Städtisch-bürgerliches Leben
Musikschule in Sömmerda

In den Jahren zwischen 1888 und 1898 verbrachte er viele Studienwochen bei seiner in Sömmerda lebenden Schwester. In dieser Ackerbürgerstadt gab es im Turm der Bonifaciuskirche seit Generationen eine Musikschule, die von der Familie Buchbinder geleitet wurde. Diese "Internatsschule" mit ihren jungen Menschen darin war für ihn Quelle zahlreicher Bilder.

"Sömmerda, d. 16 Juni 1898

Mein liebes, liebes Mariechen!

Vielleicht kommt mein Geburtstagswunsch[1] an Dich, mein liebes Kind, schon eher in Deine Hände, weil ich nicht weiß wie lang ein Brief an Euch geht.

Also liebes Mariechen!

Dein lieber Vater gratuliert Dir von ganzen Herzen recht, recht schön!!! ich habe Dich sehr, sehr lieb und will recht gut mit Dir sein wenn ich wieder heim komm.

Eigentlich wollte ich zu Deinem Geburtstage meine Musikantenbilder heim schicken, doch so schnell kann ich sie doch nicht aus dem Aermel schütteln. Jedenfalls aber erwartet zum Schluß nächster Woche die Kiste, wahrscheinlich staunt Ihr dann wie fleißig ich gewesen bin.

Kirsch’s werden jetzt ordentlich zärtlich mit mir, selbst Albert ist wie umgewandelt ich bleibe Ihn[en] nun nicht lang genug hier.

Vor einigen Tagen bin ich bei Comerzienrath Kronbügels[2] gewesen, derselbe hatte meine Bekanntschaft gewünscht, so bin ich den hingegangen und habe dort einen recht schönen Abend verlebt. Morgen denke ich der Frau Kronbügel den nöthigen Anstandsbesuch zu machen.

Von meinem hiesigen Leben kann ich sonst nicht viel berichten ich arbeite ohne Unterbrechung immer zu, und hoffe Euch damit Freude zu machen.

So bitte ich Euch meine Lieben diesmal mit dem Wenigen zufrieden zu sein und Euch von meiner Sehnsucht und Liebe genügen zu lassen

        Dein guter Vater."  


[1] Marie Piltz, * 18.6.1883
[2] Kronbiegel

 

Pfingstchoral vom Kirchturm geblasen (um 1889), "O.Piltz" u.r.

Musiklehrlinge in einer Dachkammer bei der Ausübung ihres Berufs (um 1892), 60*74, "O.Piltz" l.

Quintett der Gehilfen des Stadtpfeifers (um1888), "O.Piltz" u.l.

Diese Motive wurden häufig in den Illustrierten Zeitungen veröffentlicht, so auch s eine Schilderung "Eine Hochschule für Musik"  in "Daheim" (1890).

 

Turmblasen, Glasbild von N.N., 41*48,5, im Rathaus Sömmerda (ca. 1930) nach einem Gemälde von Otto Piltz

Steigt man heute, mehr als 110 Jahre nach Entstehung dieser Bilder auf den Turm der Bonifaciuskirche, lassen sich die Schauplätze der Motive im Turm fast unverändert wiederfinden, dagegen hat sich der Blick vom Turm sehr verändert.

 

Übung an der Tuba, "O.Piltz" u.r.

Orchesterprobe der Musiklehrlinge, "O.Piltz" u.r.

Junger Flötenspieler in einer Dachkammer sein Instrument übend (um 1889), 46*38

 

Ein Lehrling des Stadtpfeifers übt in der Glockenstube das Trompetenblasen, "O.Piltz 1888" o.r.