Das von uns wiedergegebene Gemälde von Prof. Otto Piltz führt uns in ein christliches Waisenhaus. Der Raum, in dem sich die fröhliche Kinderschar zum Vesperbrot drängt, lässt an ein altes Stifts- und Klostergebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert denken. Wenigstens deuten die Form und Beschaffenheit der Türumrahmung sowie die hölzerne Täfelung an den Wänden darauf hin. Auch die Wände zeigen die für solche Räume charakteristische kalkweiße Farbe. Dieses frische Weiß, zusammen mit dem warmen bräunlichen Ton des Holzes, verleiht dem ganzen Raum etwas Anheimelndes und Gemütliches. Die alten Heiligenbilder mit ihrer durch die Zeit und den Staub gedämpften Farbenpracht stimmen trefflich zu dieser Umgebung. Ihre milde, leuchtende Farbenglut ergibt eine feinen Kontrast zu der frischen realistischen Farbengebung in der Gruppe der Schwester und der sie umdrängenden Knaben. Freundlich lächelnd schaut die Madonna mit dem Kinde zu der Schar der Knaben hernieder, die zu Teil sanfter, zu teil stürmischer ums tägliche Brot bitten. Der Künstler hat es trefflich verstanden, durch die malerische Anordnung, besonders durch geschickte Konzentration des Lichts das Interesse auf den eigentlichen Mittelpunkt des Bildes hinzulenken, nämlich dorthin wo die freundliche Schwester steht und das Vesperbrot schneidet. Die Buben um den Brotkorb herum zeigen alle Grade der Erwartung, Sehnsucht und Befriedigung. Es bleibt auch nicht beim Brot allein, sondern es kommt dazu auch etwas Trinkbares. Es ist eine Lust zu sehen, mit welchem Behagen die Buben löffeln und schmausen, und welche Fröhlichkeit sich dabei entwickelt. Prof. Piltz, der Maler unseres Bildes, ist überall, wo sich die Jugend tummelt, auf ihren Lern- und Spielplätzen zu Hause; er hat ein gutes Auge, ein weiches Herz und eine geschickte Hand, Eigenschaften, wie sie der Maler der Kinderwelt haben muß, um den Beschauer in die gewünschte Stimmung zu versetzen.     A.H.

 

 

 

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