Die Handarbeitsstunde

1885 war dies sein Beitrag auf der Weltausstellung in Antwerpen.

Dieses Motiv wurde in mehreren Zeitschriften als Holzschnitt veröffentlicht, so in der "Die Gartenlaube",1887, Heft 11 S. 169. Beschreibung S. 180

(Quelle: Ingrid Otto, Bürgerliche Töchtererziehung im Spiegel illustrierter Zeitschriften von 1865 bis 1915. Hildesheim 1990, S. 100 ff.)

"Das Bild der „Handarbeitsstunde“ (...) nach dem Ölgemälde von Otto Piltz druckte „Die Gartenlaube“ 1887. Es zeigt ein gemütliches Dachzimmer, in dem eine Mädchenklasse sich zur Handarbeit versammelt hat. Das Ambiente und das Verhalten der Töchter läßt allerdings eher eine private Zusammenkunft vermuten als eine Unterrichtsstunde, die auf Didaktik und Methodik basiert. Es gibt keine gemeinsame Aufgabenstellung, aus der sich ein zielorientierter Lernerfolg entwickeln soll. Doch das ist es nicht allein, was die „Handarbeitsstunde“ so wenig professionell erscheinen läßt. Ein markantes Zeichen für die fehlende Unterrichtstheorie und -systematik ist, daß bei den meisten Mädchen nicht die Tätigkeit der textilen Arbeit demonstriert wird, sondern die Unterbrechung der Handarbeit zugunsten von verschiedenen Aktivitäten der Unterrichtsstörungen. Die Zeitschrift gab die folgende Erklärung:

„Die Dame, welche die Handarbeit leitet, ist auf den Gedanken gekommen, irgend eine Dichtung vorlesen zu lassen, um die Aufmerksamkeit der jungen leichtblütigen Welt, die ihrer Aufsicht anvertraut ist, auf einem Punkte zu sammeln: es kommt dies mehr der Arbeit zu gute, als wenn sich die Gedanken nach allen Richtungen hin zerstreuen. Das ist wenigstens die Meinung jener Dame: doch ‚grau ist alle Theorie‘, und wir sehen auf unserem Bilde, daß die Praxis nicht ganz den weisen Grundsätzen der Lehrerin entspricht. Solch ein junges Mädchen hat mehr zu denken, als in Shakespeares und Goethes Dichtungen steht. Zwar die Schöne rechts von der Vorleserin ist augenscheinlich durch die Dichtung gefesselt und schenkt ihr eine gespannte Aufmerksamkeit; sie vergißt darüber die Arbeit vollständig, was wohl auch nicht im Lehrplan der Vorsitzenden liegt. Die Andern aber kümmern sich alle wenig um die Dichtung: man sieht es ihnen an, daß sie entweder ausschließlich mit ihrer Handarbeit beschäftigt sind, oder darüber hinausträumen von den Familienfesten, für die sie bestimmt sind, oder von dem Bevorzugten, dem sie damit ein Geschenk machen wollen. Ganz ungeniert aber unterhalten sich die beiden, welche seitwärts beisammen sitzen, von einigen lustigen Vorgängen des letzten Tanzabends ...[denn was ist ihnen Hekuba?] Eine heitere Plauderei ist ihnen mehr wert, als alle Dichtungen der Welt; denn da ist der Geist selbsttätig, und das ist doch die Hauptsache. Es gehört Talent zum Vorlesen, aber auch Talent dazu, sich vorlesen zu lassen, besonders wenn man ein lebhaftes Temperament besitzt und viele Dinge zu erzählen hat.“

Der zeitgenössische Kommentar zum Gemälde beschreibt die Idylle und verniedlicht das Lebensstadium der ‚Backfischlein‘. Auffallend ist die Absicht des Unterrichts, nicht die Vermittlung von Unterrichtsinhalten steht im Vordergrund, sondern die Aufbewahrung heranwachsender Töchter. Was sie tun, war von der Sache her völlig unwichtig, wichtig war nur, daß das Tun die Zeit überbrückt.

Otto Piltz (1846—1910), ein Schüler der Weimarer Kunstschule, lehrte seit 1889 als Professor an der Münchener Kunstakademie. Seine von vordergründiger Naivität geprägten Genrebilder waren häufig in den illustrierten Zeitschriften zu finden. Über den Phänomensinn hinaus zur Ebene des Bedeutungssinns läßt sich über die „Handarbeitsstunde“ folgendes annehmen: Sofern die Mädchen zur Arbeit motiviert waren, lag es daran, daß sie beabsichtigten, ihre fertigen Werke „dem Bevorzugten“ zu schenken. Der Künstler hat „Amor“ in die rechte Raumecke gestellt. Die Figur des Liebesgottes setzt gerade den Pfeil an den Bogen. Diese Symbolik wird in der Bilderläuterung mit dem Hinweis auf „die Vorgänge des letzten Tanzabends“ aufgegriffen. (...) Da die Lehrerin dem Bildbetrachter den Rücken zuwendet, ist ihr Verhalten nicht eindeutig zu interpretieren. Vielleicht vermißt auch sie bei den zu lehrenden Fertigkeiten den eigentlichen Bildungssinn; oder sie ignoriert die Störungen, weil sie diese toleriert. Die Handarbeit bekam hier eine Doppelfunktion auferlegt, indem sie einerseits durch das Vorlesen klassischer Werke ‚bildungsträchtig‘ verpackt wurde, aber andererseits für die Frauen das Literaturstudium nur unter dem Alibi des gleichzeitigen handwerklichen Schaffens bejaht wurde. Das in der „Gartenlaube“ gezeigte Genrebild birgt die Kritik, daß ein Versuch, die „Handarbeitsstunde“ durch Lektüre zu einem geistigen Akt aufzuwerten, kläglich enden müßte."

 

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